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07.10.2015 | Beispielhaft

Mit den „Food Fighters“ gegen Lebensmittelverschwendung

In Restaurants wandern zu viele Essensreste in die Mülltonne. Der Koch Michael Schieferstein hat sich diesem Problem angenommen und den Verein „Food Fighters“ gegründet.
Der Aktivist Michael Schieferstein. Foto: M. Schieferstein

Mit den „Food Fighters“ gegen Lebensmittelverschwendung
Auch in Restaurants wandern zu viele Essensreste von den Tellern direkt in die Mülltonne. Der Koch Michael Schieferstein kennt dies aus seinem Beruf. Er hat sich diesem Problem angenommen und den Verein „Food Fighters“ gegründet.  Wir bitten ihn zum persönlichen Gespräch und fragen nach:

ZgfdT: Herr Schieferstein, wann fiel bei Ihnen die Entscheidung „Jetzt muss ich mich gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen“?

Michael Schieferstein: Das hat bei mir bereits vor über 30 Jahren angefangen. Mit 15 Jahren habe ich die Schule abgeschlossen und mich zunächst als Küchenhilfe in einem gehobenen Restaurant beworben. Nach drei Monaten harter Arbeit und mit viel Ehrgeiz habe ich dort eine Ausbildungsstelle als Koch bekommen. Dort habe ich dann auch gelernt, wie man mit Lebensmitteln umgeht. Dass man zum Beispiel Gemüse- und Obstsorten saisonal verwendet. Erdbeeren wachsen schließlich nur im Sommer in Deutschland. Außerdem musste ich damals Lebensmittel aus der Region verwenden und möglichst alles vom Tier verarbeiten. Dann wird einem erst klar, dass man kaum etwas wegschmeißen muss. Gefestigt hat sich dieser Gedanke noch mehr, als ich mit einem Freund als Backpacker durch Asien und Afrika reiste. Dort haben wir sehr viel Armut gesehen und auch Ausbeutung durch Sklavenarbeit. Lebensmittel waren oft Mangelware. Und mit dieser Erfahrung bin ich dann wieder zurück nach Deutschland gekommen und habe als Küchenchef gearbeitet. In meinem Restaurant wurde nachhaltig gekocht. Das heißt: Regionale Lebensmittel einkaufen und möglichst nichts verschwenden. Da standen dann auch mal Ochsenbacken auf der Karte.

ZgfdT: Wie haben Sie sich dann konkret engagiert?

Michael Schieferstein: Mit meinen Erfahrungen im Hinterkopf habe ich mir das Retten von Lebensmitteln zur Lebensaufgabe gemacht. Mir ist wichtig, dass wir hier in Deutschland wieder lernen, Lebensmittel wertzuschätzen. Andere Menschen auf der Welt haben schließlich nicht so viel Essen wie wir zur Verfügung. Der Anstoß selbst nachzuforschen, kam mit der Studie vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Ich wollte selbst wissen, in welchem Ausmaß vor allem Supermärkte Lebensmittel wegwerfen. Mit Freunden oder Fernsehteams bin ich nachts unterwegs gewesen und habe als Experte geschaut, was tatsächlich in der Tonne landet. Meines Erachtens ist die Dunkelziffer der verschwendeten Lebensmittel sogar höher, als wir vermuten. Dann bin ich nicht nur an die Öffentlichkeit getreten, sondern habe auch den direkten Kontakt zu den Verbrauchern gesucht. Und da fängt man am besten direkt mit Kindern an. Die jüngeren Generationen müssen lernen, wie man Lebensmittel wertschätzt. Deshalb habe ich 2013 das Schulprojekt gegründet. Den Schülern wird hier Praxis, also das Kochen, und Theorie vermittelt. Da entstehen leckere Gerichte und anregende Diskussionen mit den Kindern.
Der richtige Durchbruch an die Öffentlichkeit kam mit dem Film „Taste the Waste“ von Valentin Thurn. Ihn habe ich vor allem bei der Organisation unterstützt. Und als dadurch die Präsenz in den Medien immer stärker wurde, kam die Einladung in den Bundestag. Da habe ich mir gesagt: Jetzt ist die Gelegenheit da, eine Initiative zu gründen.

ZgfdT: Und wie lief dann die Umsetzung respektive Vereinsgründung?

Michael Schieferstein: Ein paar Leute für die Umsetzung hatte ich schon zusammengetrommelt. Da fehlte dann nur der Name. Und „Food Fighters“ hat sich ganz einfach ergeben. Das englische Wort „Food“ heißt auf Deutsch „Essen“. Und „Fighter“ bezeichnet den Kämpfer. Und genau dieser steckt in mir, weil ich mich schon immer mit dem Thema Lebensmittelverschwendung beschäftigt habe und dagegen angegangen bin. Das hat mich natürlich viel Zeit gekostet, weswegen ich meinen Job als Küchenchef an den Nagel gehängt habe und mich dann auf die Ernährungsbildung konzentriert habe. Als selbstständiger Unternehmer betreue ich bis heute Unternehmen, Schulen und andere Institutionen, die Unterstützung rund um das Thema Essen brauchen.

ZgfdT: Der Ausdruck „Lebensmittel retten“ klingt für Unbeteiligte oft nach einer umfangreichen und auch aufwendigen Aktion. Wie schwer ist dies tatsächlich?

Michael Schieferstein: Zunächst mal finde ich, dass uns in Deutschland die Volksaufklärung hinsichtlich der Lebensmittelverschwendung fehlt. Der Bevölkerung muss wieder Lebensmittelwertschätzung klar gemacht werden. Das fängt zuhause an. Man geht nicht mit leerem Magen einkaufen. Zum Beispiel sitze ich zu Hause vor dem Einkauf mit der Familie zusammen. Wir haben gekocht und essen gemeinsam. Danach wird der Einkaufszettel geschrieben. Bevor es dann in das Einkaufszentrum geht, sollte man zusätzlich in den Kühlschrank schauen: Was habe ich wirklich noch drin? Dann geht man viel bewusster an den Einkauf ran und schaut eher, was da tatsächlich im Einkaufskorb landet.

ZgfdT: Heutzutage landen oft ungeachtet Lebensmittel in der Tonne. Worauf muss ich achten, um keine Lebensmittel zu verschwenden? Können Sie dazu drei konkrete Tipps geben?

Michael Schieferstein: Wichtig ist: Nicht zu viel einkaufen und vor allem bewusst und gezielt einkaufen. Wer sich ausgewogen und gesund ernähren möchte, sollte regionale Produkte kaufen. Die sind oftmals nicht teurer als die im Discounter. Und sie sind gesünder.
Außerdem lagern viele ihre Lebensmittel falsch: Dinge, die nicht in den Kühlschrank gehören, landen dort. Dinge, die hineingehören, werden in Regale verfrachtet. Zudem wird das Mindesthaltbarkeitsdatum missverstanden. Es beschreibt nur die mindeste Zeit, die beispielsweise eine Packung Spaghetti haltbar ist. Sobald die Lagerung der Lebensmittel richtig erfolgt, sind diese oft über einen sehr langen Zeitraum haltbar.
Und man sollte mehr die eigenen Sinne benutzen, um festzustellen, ob etwas tatsächlich abgelaufen ist. Wir können möglichen Schimmeln sehen, an dem Produkt riechen, es probieren: Das hilft, Ungenießbares zu identifizieren.


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